Die Krise der deutschen Lebensversicherung
Bisher ist es eine Krise, eine Krise, die die deutschen Versicherer
bis vor kurzem noch bestritten haben. Ob daraus eine Katastrophe
für die Inhaber der fast 90 Millionen Lebensversicherungs-Policen
wird, kann man jetzt noch nicht abschätzen. Klar ist aber, daß
sich die Branche durch eine permanante Desinformation schwer geschadet
hat. Und sie hat den Millionen Kunden bereits jetzt schwer geschadet.
Die Krise der Lebensversicherer kann Deutschland in die schwerste
Wirtschafts-Krise der letzten 50 Jahre stürzen! Dagegen wäre das
Problem der 4 Millionen Arbeitslosen Peanuts (nicht für die
Betroffenen aber für Deutschland insgesamt).
Mit dem Aktien-Wahn der letzten Jahre, geschürt von vielen Medien,
brachen auch bei vielen Vermögensverwaltern in den deutschen
Versicherungs-Konzernen die Dämme. Hatten sie vorher über Jahrzehnte
hinweg nur ein paar Prozent der Kunden-Gelder in Aktien angelegt,
kauften sie nun im Fieberwahn der Börsen-Euphorie wie wildgeworden
Aktien zusammen. Und auch gerne solche, die bereits völlig überteuert
waren. Die Folge war übrigens, daß durch diese Zukäufe die Kurse
zunächst noch rasanter anstiegen. Trifft ein begrenztes Stückzahl-Angebot
(Aktien) auf eine ständig wachsende Nachfrage, puscht dies den Preis
der Aktie nach oben. Eine Grund-Weisheit der Aktien-Lehre. Hinzu
kamen die Zukäufe der Investmentfonds mit dem gleichen Kurs-Effekt.
In den Medien und in der Werbung der Anbieter wurden einfache Sparer
darauf getrimmt, das Geld vom Sparbuch zu holen und in Aktien oder
Aktienfonds anzulegen. Da steigen die Kurse erst einmal ganz automatisch
(siehe zuvor beschriebene Grund-Weisheit). Unabhängig vom realistischen
Wert der Aktien-Gesellschaften. Und dann kommt, was bei Aktien so sicher
kommt wie das Amen in der Kirche: Der Absturz. Die Zahl der Negativ-Meldungen
wächst schlagartig, die Anleger verkaufen große Aktien-Stückzahlen in
kurzer Zeit und rrrrummmssssss sacken die Börsen-Kurse steil ab.
So ist das mit Aktien - seit es sie gibt und solange es sie geben wird.
Bis zum nächsten Run auf die Aktien.
Zum Aktien-Desaster kommt bei den deutschen Lebensversicherern das
Zinsanlage-Desaster hinzu. Anfang der 90er Jahre legten sie das
meiste Geld in hoch-prozentigen Zinspapieren an, vor allem Staats-Anleihen
(Bundeswertpapiere). Die laufen nach 10 Jahren aus und das Geld muß neu
angelegt werden. Mittlerweile hat sich aber etwas ganz entscheidendes
getan: Deutschland ist Teil der Europäischen Union (EU). Und in der EU
wurden in den 90er Jahren die sogenannten Stabilitäts-Kriterien vereinbart,
die jedes Land einzuhalten hat. Und genau diese Stabilitäts-Kriterien führen
dazu, daß die Zinsen von Anleihen aus dem EU-Raum drastisch gegenüber früher
sinken. Nicht nur die Inflation und die Staats-Verschuldung wird dadurch
begrenzt, auch als Folge davon die Zinsen von Anleihen. Und zwar auf Dauer!
Und so kommt es, daß es ab Ende der 90er Jahre fast nur noch Niedrig-Prozenter
für die Anlage in Anleihen gibt. Wer höhere Zinsen haben will, muß risikoreicher
anlegen, in Anleihen hoch verschuldeter Staaten und Wirtschafts-Unternehmen.
Die müssen, um überhaupt noch "Kredit" zu bekommen (nichts anderes ist
eine Anleihe), höhere Zinsen anbieten. Mit entsprechendem Ausfall-Risiko.
Bisher gab es 8% und 9% Zinsen, und jetzt eben nur noch 4% und 5% Zinsen.
Und während früher dann nach ein paar Jahren Zins-Flaute wieder Hoch-Prozenter
sicherer Emittenten (!) auf den Kapitalmarkt kamen, passiert dies in Zukunft nicht
mehr. Vorausgesetzt ein Staat wie Deutschland hält sich an die Stabilitäts-Kriterien. Ist das so, gibt es nie mehr hoch-prozentige Anleihen! Die Folge:
Lebensversicherer werden langfristig im Durchschnitt keine 7% pro Jahr, sondern
nur noch um die 5% am Kapitalmarkt mit dem Kauf von Anleihen erzielen können.
Wir befinden uns seit ein paar Jahren am Beginn dieser über Jahrzehnte andauernde
Niedrigzins-Periode. Die wird nur dann enden, wenn ein Land EU-vertragsbrüchig
wird und die Stabilitäts-Kriterien bricht.
[Die Anleger könnte ein bißchen trösten, daß im Gegenzug auch die Inflation
gedrückt wird.]
Wir weisen übrigens seit langem hier in unseren Artikeln zur Lebensversicherung
auf diesen Zusammenhang zwischen EU-Stabilitäts-Kriterien und drastisch
sinkenden Anleihe-Renditen für die Zukunft hin. Die Medien-Kollegen schlafen
da noch immer selig.
Legt ein Versicherer einen Teil der Kunden-Gelder in Aktien an, ziehen diese
in Boom-Phasen die Rendite (aus den Anleihen) nach oben. Und in Crash-Phasen
eben nach unten. So einfach ist das. Ja und wie ist das langfristig?
Antwort: Das weiß niemand auf diesem Planeten! Die Aktien-Rendite ist und
bleibt für die Zukunft nun einmal unbekannt. Da können auch Vergangenheits-Leistungen
und putzige Mal-Bildchen zu Aktien-Kursen nicht hinweg täuschen. Dieser
Analyse-Kram ist übrigens so etwas wie Grimm´s Märchen für "Dumpfbacken".
Im Moment ziehen die überteuert eingekauften Aktien die Rendite nach unten.
Minus 20%, minus 30% und mehr bei der Aktien-Anlage und 5% Plus bei der Anlage
in Anleihen ergibt bei manchem Versicherer (die, die viel Aktien gekauft
haben) zusammen keine 3,25% Gesamt-Rendite. Aber diese 3,25% garantieren
die deutschen Lebensversicherer jedem Kunden (Alt-Verträge sogar bis zu 4%).
Und diese Garantie-Verzinsung muß ein Versicherer jedes Jahr präsentieren.
Man kann also nicht sagen "Dieses Jahr klappt es nicht, das holen wir
nächstes Jahr wieder herein".
Erreicht ein Versicherer die 3,25% nicht, greift der Staat ein. Zuständig
ist die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-Aufsicht (BaFin). Die kann
verschiedene Maßnahmen treffen. den ersten Versicherer hat die Staats-Aufsicht
vor kurzem unter Zwangs-Verwaltung gestellt. Weitere könnten folgen. Es kursieren
die Namen von knapp 10 Versicherern in Fachkreisen.
Die oben geschilderten "Weisheiten" sind keine, denn das ist simpelstes
Ökonomie-Wissen. Die Verantwortlichen der deutschen Versicherer sollten
das kennen. Doch sie leugneten diese einfachen Erkenntnisse bis zuletzt.
Wer das tut, handelt bösartig gegenüber seinen Kunden.